Kunst als Katalysator

Künstlerische Arbeiten animieren, provozieren, verstören: Kooperationen mit Künstlerinnen und Künstlern sind für Annette Kluger, Marketing-Chefin beim Brillenhersteller Eschenbach, eine spannende Art, Marken ins Gespräch zu bringen.

Kollaborationen von Künstlern und Unternehmen sind keine Seltenheit. Der Künstler sucht Räume und Möglichkeiten, seinen Namen und seine Arbeit zu vermarkten. Firmen wiederum halten nach Kreativen Ausschau, um innovative Projekte ins Leben zu rufen, die glaubhaft zu Marke und Unternehmen pas-sen. Für Annette Kluger, die beim Nürnberger Brillenhersteller Eschenbach das Marketing leitet, hat der Zugang zu Kultur und Kunst zudem eine persönliche Note: Ehemann Mat-hias Kluger ist selbst freischaffender Künstler und Schriftsteller. In der Nürnberger Galerie Von&Von, die Gemälde, Skulpturen und Objekte zeitgenössischer Künstler zeigt, sprach die Sublime-Redaktion mit ihnen über die Verknüpfung von Kunst und Marketing in Unternehmen und Wirtschaft.

Sublime: Die Galerie Von&Von als Treffpunkt ist ein spannender Ort ...

Annette Kluger: Kunst und Design interessierten mich schon immer. Meine Mutter war Künstlerin. Ich bin mit einem Künstler verheiratet. Kunst und Ästhetik begleiten mein Leben. Selbst meine Arbeit für das Unternehmen Eschenbach hat viel mit Kunst zu tun. Kunst spiegelt gesellschaftliche Strömungen und Werte wider, sie regt zum Nachdenken, zur Diskussion an. Kunst sagt oft mehr als Worte aus. Hier sehe ich einen Bezug zu meiner Arbeit als Marketing-Leiterin für den Brillenhersteller Eschenbach: Im Marketing geht es nicht alleine um das Verkaufen von Produkten, sondern um die Philosophie, die Werte eines Unternehmens oder einer Marke. Marketing braucht eine Botschaft. Wird diese aus der Kunst hergeleitet, öffnen sich interessante Perspektiven: Das Eintauchen in eine Welt voller Inspiration befruchtet Produktmanager und Designer und ermöglicht ein Storytelling, das die Marke in den Zeitgeist holt.

Annette und Mathias Kluger vor einem Gemälde

Der Kunst zugewandt: Annette und Matthias Kluger vor dessen Gemälde „Äusserung”. Ihre Liebe zu Kunst, Design und Mode bereichert die Arbeit der Marketing-Leiterin, die Projekte mit Künstlerinnen und Künstlern für die Brillenmarken von Eschenbach Eyewear realisiert.

Kunst und Marketing bereichern sich demnach?

Definitiv, ja! Im Portfolio der Eschenbach Eyewear führen wir zehn Brands. Für jedes Brand gibt es spezifische Zielgruppen, auf die wir das Marketing und die Botschaft zuschneiden. Ein Beispiel: Das Thema Nachhaltigkeit spricht Zielgruppen wie die Generation Y oder Z an. Unsere Marke Humphrey‘s setzt sich bereits jetzt in der Kampagne mit diesem Thema auseinander, das natürlich auch in der Kunst aufgenommen wird und zu kritischen, unser Leben hinterfragenden Arbeiten führt.

Kunst hat für Sie mehr mit Reflexion als mit Emotion zu tun?

Ich versuche, die Botschaft zu verstehen, die ein Werk ausdrückt. Ich mag keine Kunst, die nur in Farben schwelgt. Bitte nicht falsch verstehen: Ich mag schöne Farben, aber ein Kunstwerk braucht mehr Tiefgang. Kunst sollte gesellschaftliche Themen behandeln, sie offen legen, sichtbar machen. Dies trifft auch auf die Arbeiten meines Mannes zu. Wir sprechen viel über seine Kunst, setzen uns mit seinen Bildern auseinander. Die Bilder, die hier in der Galerie ausgestellt sind, sprechen für sich: Ein Bild entstand während der Corona-Pandemie, es trägt den Titel „Vertrauen und Respekt”. Wir alle, im Besonderen jedoch die Künstler, setzten sich mit der Frage auseinander, was im Leben wirklich wichtig ist. Plötzlich kamen wir mit viel weniger aus. Wir lebten ganz im Hier und Jetzt, konnten nicht mehr planen, wussten nicht, was morgen sein wird. Das daraus resultierende veränderte Wertedenken hat er in seinen Bildern verarbeitet. Mit Corona wurden auch Unternehmen sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zunehmend bewusst. Was tun wir für das Gemeinwohl? Die Achtsamkeit für unser Leben, den Planeten, die Natur ist zukünftig eine klare Anforderung an Unternehmen.

"Die gesellschaftliche Akzeptanz der Brille hat sich ins Positive verändert."

Kreativität ist das Fundament des Menschseins und der Evolution, sagte einst der Künstler Joseph Beuys. Sehen Sie das auch so?

Heute mehr denn je. Gerade jetzt müssen wir kreativ sein! Unsere gesellschaftlichen Grundfesten und Strukturen, unsere erlernten Mechanismen haben sich erschöpft. Schneller, weiter, höher und immer noch mehr – das bringt uns nicht voran. Nicht nur die Kunst ist politisch, auch die Mode mittlerweile. Der Mensch als Individuum und auch Unternehmen müssen Stellung beziehen und ihren Beitrag zur Erhaltung der Gesellschaft, unseres Wohlstands, der Natur leisten. Das sind Themen, mit denen wir als Brillenhersteller unsere Zielgruppen ansprechen möchten und müssen.

Was wird aus Ihrer eigenen kreativen Ader?

Ich habe eine sehr analytische und eine sehr kreative Seite, beide sind für meinen Job von Vorteil. Kreativer Input kommt aus den unterschiedlichsten Richtungen. Um alle Strömungen, Perspektiven und Elemente zusammenzubringen, muss man sie durchdenken. So gehen wir bei der Konzeption unserer Eschenbach-Kampagnen vor. Da geht es neben dem Storytelling auch um unterschiedlichste Möglichkeiten der Interpretation. Die Betrachterinnen und Betrachter müssen sich selbst Gedanken machen und die verschiedenen Elemente deuten und zusammenbringen.

Gemälde vor einer Wand

Wie sehr liegt Ihnen Mode am Herzen?

Eigentlich sehr, ich mag Mode. Aber irgendwann stellte ich für mich fest, auch ohne neue Outfits prima zurechtzukommen. Heute bremse ich mich bewusst. Man kann den aktuellen Zeitgeist nicht ausblenden und mit gutem Gewissen auf Glamour und Show machen. Jemand, der die Mode wirklich neu ausrichtet, ist die Dior Kreativchefin, Maria Grazia Chiuri. Sie bringt Auseinandersetzung in die Fashionwelt, regt zum Nachdenken an, was in der Mode kulturell angemessen ist. Vor allem bringt sie die Frauen nach vorne, denkt den Feminismus neu – mit einer bezaubernden Leichtigkeit.

Gibt es ein aktuelles Kunstprojekt bei Eschenbach?

Für das Brand Humphrey‘s arbeiten wir mit der Schweizer Street Art-Künstlerin Giulia Wyss zusammen. Ihre Kunst steht für Inhalte und Werte, welche die Zielgruppe der Marke bewegen. Ihre künstlerische Botschaft „We are not the same, but we are one” besagt, dass die Gesellschaft nur über Zusammenhalt und ein gemeinsames Bewusstsein die Herausforderungen der Zukunft bewältigen kann.

Was bedeutet Ihnen die Brille?

Die Brille ist nicht nur eine Sehhilfe, sondern ein Fashion-Accessoire, das einer Persönlichkeit einen gewissen Twist gibt. Inzwischen tragen viele Menschen für ihr Leben gerne Brille. Ich habe auch meine kleine Kollektion und wechsle häufig das Modell.

Wie viele Brillen sind das?

Kann ich gar nicht sagen (lacht)! Jedenfalls viel zu viele! Ich mag ausdrucksstarke Brillen, die man im Gesicht wahrnimmt und die außergewöhnliches Design perfekt mit der Funktion zusammenbringen.

Fotos: Martin Cseh