Erstveröffentlicht in der Herbst/Winter-Ausgabe 2026/27
Manche Orte erzählen ihre Geschichte leise. Andere tragen sie auf jeder Wand, in jedem Riss, in jeder Spur. Der Teufelsberg gehört zu Letzteren. Für unser Artshooting „Lost Places“ trifft seine raue Architektur auf außergewöhnliches Brillendesign – eingefangen vom Fotografen Bert Spangemacher.
Hoch über dem Berliner Grunewald stehen sie wie Relikte aus einer anderen Welt: die markanten weißen Kuppeln der ehemaligen Abhörstation auf dem Teufelsberg. Monumental und fragil zugleich. Darunter: rohe Architektur, verwitterte Fassaden, endlose Graffiti, offene Räume und überraschende Perspektiven. Nichts hier ist glatt. Nichts perfekt. Nichts beliebig. Genau deshalb sind wir hier. Für unser Artshooting haben wir einen Ort gesucht, der nicht einfach nur Kulisse ist. Sondern Charakter besitzt. Einen Ort, der Kontraste schafft und unseren Looks etwas entgegensetzt. Lost Places erzählt von Spuren und Veränderungen. Von Dingen, die bleiben, obwohl ihre ursprüngliche Funktion längst verschwunden ist. Und davon, wie aus dem Alten etwas völlig Neues entstehen kann. Der Teufelsberg verkörpert all das.
Schon seine Entstehung ist außergewöhnlich. Der Teufelsberg ist kein natürlich gewachsener Berg. Unter ihm liegen Millionen Kubikmeter Trümmer des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Berlins. Wo während der NS-Zeit eine monumentale militärtechnische Fakultät entstehen sollte, wurden nach Kriegsende die Überreste einer Stadt aufgeschüttet. Aus Zerstörung wurde Landschaft. Doch damit begann die Geschichte dieses Ortes erst. Während des Kalten Krieges entdeckten die westlichen Alliierten die strategische Lage des Berges. Hoch über West-Berlin entstand die „Field Station Berlin“, eine Abhöranlage der Amerikaner und Briten. Ihre futuristisch anmutenden Radome prägen die Silhouette des Teufelsbergs bis heute. Jahrzehntelang wurde hier empfangen, beobachtet, analysiert. Informationen waren unsichtbar, Wissen geheim und der Blick nach Osten von politischer Bedeutung. Ein Ort, an dem Wahrnehmung eine ganz besondere Rolle spielte.
The art of seeing
Heute hat sich der Blick verändert. Wo einst strengste Geheimhaltung herrschte, begegnet uns Kunst. Die Wände der verlassenen Gebäude sind zu riesigen Leinwänden geworden. Internationale Street Artists haben ihre Spuren hinterlassen. Farben überlagern Beton, neue Arbeiten
treffen auf ältere, Wind und Wetter verändern sie weiter. Der Teufelsberg ist kein Museum, in dem alles für die Ewigkeit konserviert wird. Er lebt von Veränderung. Vielleicht fasziniert er gerade deshalb so sehr. Denn auch Mode entsteht im Spannungsfeld zwischen Zeitgeist und Persönlichkeit. Sie interpretiert Vergangenes neu, bricht mit Gewohntem und stellt immer wieder dieselbe Frage: Wie wollen wir uns heute zeigen? Bei einer Brille wird daraus noch etwas Persönlicheres. Kaum ein Accessoire sitzt uns so nah. Eine Fassung rahmt nicht nur die Augen, sondern prägt ein Gesicht. Sie kann zurückhaltend sein oder kompromisslos. Klassisch oder experimentell. Ein feines Detail oder ein bewusstes Statement. Sie verändert unseren Blick – und den Blick der anderen auf uns.








