Bei Kim Pham lässt sich diese Idee besonders gut beobachten. Auf ihrem Kampagnenporträt trägt die Fotografin eine nahezu randlose Fassung. Feine Bügel und auf ein Minimum reduzierte Verbindungselemente sorgen dafür, dass man zuerst die Person wahrnimmt – und erst danach die Brille. Perspective ist als System gedacht, bei dem sich verschiedene Formen, Größen und Details miteinander kombinieren lassen. So kann eine Brille stärker auf Gesicht, Geschmack und persönliche Vorlieben abgestimmt werden. Nicht ein auffälliges Logo soll für Individualität sorgen, sondern die Auswahl der passenden Form und Konstruktion. Dass gerade Kim Pham diese Linie trägt, passt zu ihrer eigenen Vorstellung von Design. Bevor sie Fotografin wurde, studierte sie Textildesign. „Für mich persönlich geht es stark um das Wesentliche: Funktion, Materialität und den Schnitt“, sagt sie. Ein gutes Design müsse langlebig sein und vor allem im Alltag funktionieren. Stil ist für sie deshalb weit mehr als Mode: „Stil ist eine zweite Hülle der Identität. Wie möchte man gesehen werden? Was erzählt man damit?“
Ihr Textildesignstudium hat auch Phams Verhältnis zu Kleidung verändert. Die Beschäftigung mit Herstellung und Materialien sowie der Dokumentarfilm „The True Cost“ brachten sie dazu, ihren eigenen Konsum zu hinterfragen. Heute trägt sie fast ausschließlich Schwarz. Manche Kleidungsstücke besitzt sie seit mehr als zwölf Jahren. Wenn etwas kaputtgeht, versucht sie es zu reparieren, anstatt es zu ersetzen. Schnitt, Material und Langlebigkeit sind ihr wichtiger als die Frage, ob ein Stück gerade im Trend liegt.
An diesem Punkt treffen sich die Vorstellungen von Kim Pham und Sven Götti. Denn auch für ihn bedeutet zeitloses Design nicht, Trends grundsätzlich zu ignorieren oder Neues abzulehnen. Vielmehr geht es darum, sich weiterzuentwickeln, ohne die eigene gestalterische Identität zu verlieren. „Unsere Formensprache darf und muss sich weiterentwickeln“, sagt Götti. „Die Haltung dahinter sollte jedoch konsequent bleiben.“
Wie viel Inszenierung braucht Stil überhaupt? Phams Antwort darauf ist kurz: Authentizität. Man spüre, wenn jemand mit sich selbst im Reinen sei und Selbstbewusstsein ausstrahle. Das werde sichtbar – unabhängig davon, welche Kleidung oder welche Brille die Person trägt.