Morel: Formen der Fantasie

Erstveröffentlicht in der Herbst/Winter-Ausgabe 2026/27

Eine Blüte schaut zurück. Vögel blicken in die Ferne, Architektur scheint lebendig zu werden, Farben leuchten beinahe unwirklich. Und mittendrin: Brillen. Willkommen in ODYSSEA, der Bilderwelt von Morel. Einer Welt voller Details, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen. Das passt zu Brillen, bei denen es ebenfalls lohnt, ein zweites Mal hinzusehen.

Da ist ein Farbverlauf, der sich über die gesamte Fassung zieht. Eine transparente Fläche, die je nach Licht anders erscheint. Zwei Bügel, die gar nicht dieselbe Farbe haben. Oder eine Asymmetrie, die man zunächst eher wahrnimmt, als dass man sie benennen könnte. Man schaut hin. Und noch einmal. Vielleicht ist das der schönste Zugang zu Morel. Denn hinter den Farben und Formen steckt ein Familienunternehmen, das seit 1880 Brillen entwickelt – und dessen Geschichte bis heute im französischen Jura-Gebirge zu Hause ist.

Jules Morel ist 25 Jahre alt, als er dort den Familienbetrieb gründet. Im Winter fertigt er in seiner Werkstatt unter anderem Pince-nez – Sehhilfen, die ohne Bügel auf der Nase getragen werden. Aus der kleinen Werkstatt entwickelt sich über Generationen ein international tätiger Brillenhersteller. Das Jura bleibt bis heute Teil der Identität der Marke.

Morel

Artikelbild oben: „Mr. Varanger“- das Model trägt die Fassung „Varanger 3“ im Pilotenstil – eingebettet in die Bilderwelt ODYSSEA. Im Bild hier: „Lady Grey“ präsentiert das Modell „Zafora 2 Sun“.

Amélie Morel, die mit ihren Brüdern Jérome und Francis zur vierten Generation gehört, bringt dieses Verhältnis von Herkunft und Gegenwart auf den Punkt: „Tradition gibt einem die Sicherheit, sich weiterzuentwickeln. Wir sind immer Hersteller, Designer und vor allem Brillenmacher gewesen“, sagt sie. Was sich verändert, ist die jeweilige Interpretation. „Die Balance zwischen Freiheit und Disziplin ist sehr typisch für Morel“. Freiheit liegt in der Gestaltung, Disziplin darin, dass eine Brille trotz aller Kreativität gut sitzt, angenehm zu tragen ist und im Gesicht ihre Wirkung entfaltet.

Ein französisches Brillenhaus entdeckt die Kraft der Farbe neu. Mit „Enigma“ und „Mila“ zeigt Morel Fassungen, die selbstbewusster, überraschender und expressiver auftreten als zuvor.

Die Kollektion „Enigma“ bringt beides besonders deutlich zusammen. 2026 stellte Morel sie auf der Mailänder Optikmesse MIDO als erste Special Edition der Marke vor. „Wir wollten uns einen Raum zum Experimentieren geben“, erinnert sich Amélie Morel. Fassungen und Bildwelt wurden parallel entwickelt und beeinflussen sich gegenseitig. Großzügige Formen treffen auf intensive Farbverläufe, transparente Bereiche, kontrastierende Bügel und asymmetrische Details. Bei einigen Modellen sind die beiden Bügel unterschiedlich gefärbt. Trotzdem springt das nicht unbedingt sofort ins Auge. Die Übergänge sind so fließend gestaltet, dass man zunächst nur merkt: Hier stimmt die gewohnte Symmetrie nicht ganz.

 

Morel

Neue Farbspiele bei der Fassung „Enigma “.

Genau dieser E ekt ist beabsichtigt, wie Denis Bellone, Art Director bei Morel, erklärt: „Die Menschen sollen bemerken, dass mit der Fassung etwas Ungewöhnliches passiert, ohne sofort genau benennen zu können, was es ist.“ Eine Brille also, die ihr Geheimnis nicht sofort preisgibt. Asymmetrie darf Spannung erzeugen, ohne dass die Fassung optisch aus dem Gleichgewicht gerät oder das Gesicht dominiert. Bei aller gestalterischen Freiheit soll sie den Blick und die Augen zur Geltung bringen. Für Bellone entsteht die Persönlichkeit einer Fassung aus dem Zusammenspiel von Farbe und Form: „Farbe wird dann zum Design, wenn man nicht mehr sagen kann, was zuerst da war: die Farbe oder die Form.“

„Mila“ greift dieses Zusammenspiel auf, interpretiert es aber femininer, weicher und leichter. Statt ausgeprägter Farbbrüche bestimmen Transparenz und fließende Übergänge den Eindruck. Die Farben erinnern Bellone an Cocktails: „frisch, lebendig und fröhlich“. Das Acetat ist facettiert und laminiert. Für den dreidimensionalen Farbe ekt wird es in einem Winkel angeschnitten, sodass unterschiedliche Farbschichten sichtbar werden. Dreht man die Brille, verändern Licht und Blickwinkel ihre Wirkung.

Morel

In frischem Lila und Gelbtönen: Modell „Mila “.

Farben gewinnen Tiefe, Übergänge scheinen ineinanderzufl ießen, der Verlauf setzt sich bis in die Bügel fort. Man muss nicht wissen, was eine dreidimensionale Acetat-Laminierung ist, um das interessant zu fi nden. Man muss die Brille eigentlich nur bewegen. Manche Details wollen in die Hand genommen, aus verschiedenen Winkeln betrachtet – und schließlich aufgesetzt werden.

Hinter dieser scheinbaren Leichtigkeit steckt viel Entwicklungsarbeit. Im französischen Designcenter arbeiten Designer, Coloristen und Grafi ker zusammen. Aus Ideen müssen Fassungen werden, die gestalterisch überzeugen, technisch funktionieren und sich angenehm tragen lassen. Eine wichtige Rolle spielt Prototypistin Valérie Prillard. Sie fertigt Fassungen in Originalgröße von Hand und war die erste Frau, die im Brillenhandwerk den französischen Ehrentitel „Meilleur Ouvrier de France“ erhielt. Erst am realen Modell zeigt sich, ob Proportionen, Material und Tragegefühl stimmen.

Morel

Die neuen Farbkombinationen machen Laune. Hier im Bild: Die Fassung „Enigma “.

Ein Teil dieser Entwicklungsarbeit fi ndet weiterhin im französischen Jura statt. Dort sind Forschung und Entwicklung, Modellierung, Prototypenbau sowie Robustheits- und Langlebigkeitstests angesiedelt. Die Fassungen sollen schließlich nicht nur au allen, sondern auch im Alltag bestehen. Von all dieser Entwicklungsarbeit soll der Träger am Ende möglichst wenig merken. Die Brille darf mit ihrem Design au allen – beim Tragen soll sie sich einfach gut anfühlen.

Mit der Bilderwelt ODYSSEA entsteht eine ganze Welt zwischen Realität und Fantasie. Was nach Aufbruch aussieht, hat tiefere Wurzeln, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Doch Morels Gestaltung endet nicht bei der Brille. Aus der visuellen Sprache von „Enigma“ entwickelte sich ODYSSEA – keine eigene Kollektion, sondern eine Bilderwelt, die sich über Morels Kollektionen hinweg weitererzählen lässt. Realität und Fantasie, Farbe und Transparenz, Konstruktion und Vorstellung tre en hier aufeinander. Und diese Welt hält sich nicht besonders streng an die Realität. Blumen bekommen Augen. Vögel blicken in die Ferne. Natur erscheint überhöht, Architektur beinahe lebendig. Farben werden intensiv, Größenverhältnisse überraschend, Vertrautes wirkt plötzlich ein wenig fremd. Die Bilder erklären nicht alles. Sie sollen es auch nicht. Denn während die Brille präzise konstruiert sein muss, darf das, was sie auslöst, sehr viel freier sein. Amélie Morel formuliert diesen Gedanken so: „Die Fassung ist real, technisch und präzise entwickelt. Aber das Gefühl, das sie auslöst, kann völlig der Fantasie entspringen.“ Für sie ist diese Freiheit kein Bruch mit der Tradition: „Das eigentliche Risiko wäre gewesen, uns wegen unserer Geschichte selbst zu begrenzen.“

Morel

Morel-Fassung „Enigma “.

An den Bügelenden fi ndet sich die Familiengeschichte wieder: Fünf Linien stehen für die Generationen der Familie. Die vierte, farblich hervorgehobene Linie verweist auf die heute verantwortliche Generation, die fünfte auf die kommende. Mit Arthur Morel arbeitet inzwischen bereits die fünfte Generation im Unternehmen. „Wenn man Teil eines Familienunternehmens ist, denkt man nicht wirklich in Fünfjahreszeiträumen. Man denkt in Generationen.“ Vielleicht erklärt dieser Satz Morel besser als jede Gegenüberstellung von „früher“ und „heute“. Jede Generation übernimmt etwas. Jede fügt etwas hinzu. Was dabei bleibt, ist die Brille. Und die Frage, wie wir mit ihr aussehen und uns fühlen.

Morel

Modell „Mila “ gibt es in drei Farbkombinationen

Was also sollte jemand entdecken, der im Augenoptikgeschäft zum ersten Mal eine Morel-Fassung in die Hand nimmt? Amélie Morels Antwort besteht aus einem einzigen Wort: „Persönlichkeit.“ Und sie sagt noch etwas: „Man sollte die Haltung von Morel erkennen können, bevor man das Morel- Logo erkennt.“ Manches entdeckt man eben erst, wenn man eine Brille selbst aufsetzt. Wie die Farben im Gesicht wirken. Was die Form mit dem eigenen Ausdruck macht. Und ob aus einer interessanten Fassung plötzlich die eigene wird.

Bilder: Morel

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