Lunor: Kann man Zeitlosigkeit entwerfen?

Erstveröffentlicht in der Herbst/Winter-Ausgabe 2026/27

Zeitlosigkeit entsteht irgendwo zwischen Gegenstand und Erinnerung, zwischen Nostalgie und Zeitgeist und manchmal braucht es 20 Jahre, bis sie sich zeigt. Michael Fux und Susanne Klement von Lunor über Lieblingsbrillen und die (Ohn-)Macht der Designer zu bestimmen, was bleibt.

Was heute modern wirkt, kann morgen bereits aus der Zeit gefallen sein. Und was wir heute als zeitlos bezeichnen, war selbst irgendwann neu. Für Lunor gehört Zeitlosigkeit dennoch zum eigenen Markenverständnis, obwohl CEO und Head of Design Michael Fux und Designerin Susanne Klement ihm durchaus kritisch begegnen. Im Gespräch erklären sie, warum Zeitlosigkeit nicht am Reißbrett entsteht, was Brillendesign von einem Trauring lernen kann und warum die Zeit selbst letztendlich darüber entscheidet, was Bestand hat.

Zwischen Klassik und Moderne: Lässt sich Zeitlosigkeit entwerfen?

Michael Fux: „Klassisch“ und „zeitlos“ werden häufig fast synonym verwendet. Für mich gibt es aber einen Unterschied: Klassisches Design schafft gute Voraussetzungen dafür, einmal zeitlos zu werden. Ob es das tatsächlich ist, zeigt sich erst über die Jahre. Für mich geht es darum, eine eigenständige Brille zu gestalten, die das Potenzial hat, auch nach vielen Jahren noch gerne getragen zu werden.
Susanne Klement: Zeitlosigkeit ist für mich eher eine Grundstimmung, die beim Entwerfen mitschwingt, als ein konkretes Gestaltungsmittel. Wir sind immer Kinder unserer Zeit und werden von Sehgewohnheiten, technischen Möglichkeiten und dem kulturellen Umfeld beeinflusst.

Lunor wirbt mit „Zeitlosen Lieblingsbrillen“. Wann wird eine Brille zum zeitlosen Lieblingsstück?

Fux: Für mich ist „Lieblingsbrille“ fast wichtiger als „zeitlos“. Besonders schön ist es, wenn Menschen nach zehn oder fünfzehn Jahren zu ihrem Optiker kommen und genau dieselbe Lunor wiederhaben möchten. Dabei gehören zwei Dinge zusammen: Das Design sorgt dafür, dass man eine Brille lange tragen möchte. Qualität, Konstruktion und Reparierbarkeit sorgen dafür, dass man es auch kann.
Klement: Auch die Wahrnehmung verändert sich. Eine Form, die wir vor 20 Jahren gestaltet haben, sehen wir heute mit anderen Augen. Zeitlosigkeit ist vielleicht gar keine feste Eigenschaft eines Produktes, sondern entsteht auch zwischen Produkt, Umgebung und den Menschen, die es betrachten.

„Am Ende ist der Kunde der ehrlichste Richter über Zeitlosigkeit.“ – Michael Fux

Herr Fux, wie sind Sie zum Brillendesign gekommen?

Fux: Ich bin mit Brillen aufgewachsen. Meine Eltern sind beide Augenoptikermeister und hatten neben ihrem Optikgeschäft einen Brillengroßhandel. Später habe ich selbst eine Ausbildung zum Augenoptiker begonnen. Als mein Vater und ich Lunor vor rund 20 Jahren übernahmen, war ich 22 und bin direkt in die Produktentwicklung hineingewachsen. Ein erfahrener Kollege wurde dabei eine Art Meister für mich. Beim Brillendesign geht es teilweise um Zehntelmillimeter: Verschiebt man eine Backe oder verändert den Steg minimal, kann die ganze Form anders wirken. So habe ich über die Jahre ein Gespür für Harmonie und Proportionen entwickelt.

Frau Klement, Sie sind Goldschmiedin und Designerin. Wie prägt das Ihre Arbeit am Brillendesign?

Beim Schmuck ist das Spannungsfeld zwischen Modeschmuck und einem Stück, das ein Leben lang Bestand haben soll, interessant. Ein Trauring hat einen völlig anderen Anspruch als ein modisches Schmuckstück. Diese beiden Pole finde ich bis heute interessant: weg vom „höher, schneller, weiter – weggewischt, das Nächste bitte“ hin zu Stil, Persönlichkeit und Qualität, die Bestand haben.

Lunor

Die Zeichnung steht am Anfang eines Entwurfs. Zeitlosigkeit selbst lässt sich nicht so leicht entwerfen.

Welche Formen und Details bleiben – und wann wird Zurückhaltung beliebig?

Klement: Klare Linien, Zurückhaltung und Farben, die nicht unmittelbar an einen kurzfristigen Trend gebunden sind, können eine lange Lebensdauer begünstigen. Aber daraus lässt sich keine Formel ableiten. Ein Entwurf muss trotz aller Zurückhaltung einen eigenen Charakter besitzen.

Das Brillenmodell „A5 215“ gibt es seit 20 Jahren. Ist es damit zeitlos?

Fux: Die „A5 215“ gehört nach rund 20 Jahren noch immer zu den fünf stärksten Formen unserer A5-Linie. Ich denke, sie funktioniert so lange, weil ihre Proportionen ausgewogen sind und man sich an ihr nicht schnell sattsieht. Am Ende ist der Kunde der ehrlichste Richter über Zeitlosigkeit. Nach fünf Jahren würde ich noch nicht von zeitlos sprechen, nach zehn wird es interessant und wenn sich Menschen auch nach 20 Jahren kontinuierlich für eine Brille entscheiden, darf man den Begriff wahrscheinlich mit ziemlich gutem Gewissen verwenden. (lacht)

„Zeitlosigkeit entsteht zwischen Produkt, Umgebung und den Menschen.“-Susanne Klement

Und privat: Müssen Dinge zeitlos sein – oder dürfen sie ihre Zeit zeigen?

Klement: Im Wohnbereich vermeide ich Dinge, an denen man sich schnell sattsieht, und mag eine schlichte Gestaltung. Gleichzeitig gefällt mir die Kombination verschiedener Stile. Manche Stücke stammen aus einer Erbschaft, etwa ein Thonet-Stuhl oder ein Mid-Century- Sideboard. Das sind Dinge, denen man ihre Zeit durchaus ansehen darf.
Fux: Privat bin ich ziemlich minimalistisch. Ich kaufe lieber einmal hochwertig und behalte Dinge lange. Neu ist für mich nicht automatisch besser – außer vielleicht bei Technik. (lacht) Gleichzeitig mag ich Dinge, denen man ihre Zeit ansieht, etwa einen alten Mustang oder einen VW Käfer.

Lunor

Seit rund 20 Jahren nahezu unverändert: Die „A5 215“ gehört laut Michael Fux noch immer zu den fünf stärksten Formen der A5-Linie.

Fotos: Lunor

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