Mehr als Brillen: Von Orten und Visionen bei Markus T

Erstveröffentlicht in der Herbst/Winter-Ausgabe 2026/27

Hinter den Mauern einer ehemaligen Kornbrennerei in Gütersloh-Isselhorst ist rund um die Brille eine ganz eigene Welt entstanden. Markus Temming hat hier einen Ort geschaffen, an dem Handwerk, Design und scheinbar Gegensätzliches erstaunlich selbstverständlich zusammenfinden. Ein Besuch an einem Ort, der sich stetig weiterentwickelt.

Auf dem Schornstein der ehemaligen Kornbrennerei haben sich Störche niedergelassen. Hoch über den historischen Backsteingebäuden haben sie ihr Nest gebaut und damit für Aufmerksamkeit im ostwestfälischen Isselhorst gesorgt. Unten auf dem Hof herrscht derweil Betrieb. Mitarbeiter sind auf dem Weg zu ihren Arbeitsplätzen, Kunden betreten den Brand Store, in der Manufaktur wird gearbeitet. Und doch wirkt die Szenerie erstaunlich ruhig. Belebt, aber nicht hektisch.

Jens Willebrand

Einblicke in das Gelände und die Gebäude auf dem Hof der alten Kornbrennerei inklusive dem Hotel Pölter bei Markus T.

Eigentlich führt uns der Weg hierher wegen einer Brillenmanufaktur. Markus T fertigt in Gütersloh-Isselhorst Designbrillen in Handarbeit. Die ehemalige Kornbrennerei Elmendorf ist dabei weit mehr als eine ungewöhnliche Kulisse. Wo früher Korn gebrannt wurde, wird heute entwickelt, gelasert, gefärbt, montiert und von hier in mehr als 35 Länder weltweit verkauft. Doch schon nach wenigen Schritten wird klar: Bei der Brille hört die Geschichte nicht auf.

Wenn Markus Temming Besucher über den Hof führt, ist er gespannt darauf, ob sie erkennen, „dass hier alles zusammengehört“. Vielen falle zuerst die historische Brennerei oder die gläserne Manufaktur ins Auge. Ihm geht es um den Zusammenhang. „Hier stehen nicht einfach Gebäude nebeneinander, sondern alles folgt einer gemeinsamen Idee.“ Dabei begann diese Welt tatsächlich mit einem einzigen Produkt. „Am Anfang stand die Brille“, sagt Temming. Mit dem Wachstum von Markus T sei ihm jedoch bewusst geworden, „dass gute Ideen Raum brauchen“. Raum für Menschen, die arbeiten, sich begegnen und kreativ sein können. Bis heute schlägt das Herz des Unternehmens in der Manufaktur.

„Ein gutes Produkt braucht Menschen, die gerne daran arbeiten. Und Menschen arbeiten besser an einem Ort, an dem sie sich wohlfühlen und inspiriert werden“

Wer durch die Werkstätten geht, begegnet der Brille in verschiedenen Stadien ihrer Entstehung. Rohmodelle warten auf den nächsten Arbeitsschritt, Laser bearbeiten das Material, Fassungen erhalten ihre Farbe, anschließend wird getrocknet, geprüft und montiert. Es sind viele einzelne Handgriffe für ein Produkt, dem man diese Arbeit am Ende möglichst nicht ansehen soll. Die fertige Brille soll leicht wirken, reduziert im Design. Mehr als zwanzig Hände, erzählt Temming, seien an einer Brille beteiligt, bevor sie die Manufaktur verlässt.

Wie kurz die Wege zwischen diesen Händen und dem Träger der Brille sind, zeigt sich wenig später im eigenen Brand Store. Eine Augenoptikerin händigt einem Stammkunden seine neue Brille aus. Während hier über Formen, Proportionen und Passform gesprochen wird, liegt der Ort der Entstehung nur wenige Schritte entfernt. Der Weg vom Rohmodell bis zur fertigen Brille lässt sich auf diesem Hof tatsächlich ablaufen.

Markus T

Zurück zum Ursprung. Die aktuelle „Design“-Kollektion knüpft an die erste Kollektion von Markus T an. 16 Fassungen aus Titandraht werden in neun Titanfarben angeboten und können mit farbigen Glasringen individualisiert werden.

Wer aus der Manufaktur wieder auf den Hof tritt, entdeckt, dass die historische Kornbrennerei Elmendorf über Jahre zu einem modernen Unternehmensstandort geworden ist. Backstein trifft auf Glas, alte Bausubstanz auf zeitgenössische Architektur. Vieles wirkt heute so selbstverständlich, als sei es nie anders gewesen. Dabei liegt gerade darin ein erheblicher Teil der Gestaltung: zu entscheiden, was bleiben darf und wo etwas Neues hinzukommen muss. Temming sagt über sich selbst: „Ich mag Orte mit Geschichte. Man muss nicht alles neu bauen. Manchmal reicht es, etwas Bestehendem neues Leben zu geben.“

Vielleicht liegt hier eine der interessantesten Parallelen zwischen Brille und Umgebung. In der Manufaktur entscheiden viele kleine Arbeitsschritte darüber, ob am Ende etwas leicht und reduziert erscheint. Beim Umbau des Brennereihofs ist es ähnlich. Die Wirkung entsteht aus Details, die man nicht unbedingt einzeln wahrnimmt, deren Zusammenspiel aber den Charakter prägt. Spätestens hier wird verständlich, warum Temming Design ohnehin größer denkt als ein einzelnes Produkt. Möbel und Leuchten gehören ebenso zu seiner gestalterischen Welt. Auf den ersten Blick ist das für einen Brillenhersteller nicht unbedingt naheliegend. Temming selbst sieht darin keinen Widerspruch. Die Frage, die er sich stellt, sei letztlich immer dieselbe: „Wie kann man Dinge sinnvoll gestalten?“

Ulrike Kafka

Einblicke in das Gelände und die Gebäude auf dem Hof der alten Kornbrennerei inklusive dem Hotel Pölter bei Markus T.

Je länger man über den Hof läuft, desto weiter entfernt man sich damit scheinbar von der ursprünglichen Brille – und bleibt ihrer Idee gleichzeitig erstaunlich nah. Das zeigt sich besonders deutlich ein paar Schritte weiter. Von der Manufaktur zum Hotel auf dem gleichen Gelände ist es nicht weit. Inhaltlich scheint die Entfernung zunächst größer. Hier werden Brillen gefertigt, dort checken Gäste für eine Nacht im Hotel Pölter bei Markus T ein. Dazwischen finden sich Gastronomie, eine Bank und weitere Unternehmen. Eigentlich braucht ein Brillenhersteller kein Hotel“, sagt Temming. Gebaut hat er trotzdem eines. Der Ausgangspunkt war zunächst pragmatisch. Händler aus aller Welt und Mitarbeiter des Außendienstes kamen nach Isselhorst, besuchten die Manufaktur und reisten anschließend wieder ab. Mit dem Hotel Pölter entstand ein Ort, an dem sie bleiben konnten. Heute übernachten hier ebenso Gäste, die mit dem Brillenhersteller überhaupt nichts zu tun haben. Genau darin zeigt sich, wie weit sich die ursprüngliche Idee inzwischen ausgedehnt hat. Aus der Brillenmanufaktur ist nach und nach ein kleiner Kosmos entstanden. Nicht alles, was hier heute zu finden ist, war von Anfang an geplant.

Markus T

Zurück zum Ursprung. Die aktuelle „Design“-Kollektion knüpft an die erste Kollektion von Markus T an. 16 Fassungen aus Titandraht werden in neun Titanfarben angeboten und können mit farbigen Glasringen individualisiert werden.

Und jetzt, da rund um die Brille immer mehr entstanden ist, führt die aktuelle Kollektion gedanklich zurück an den Anfang. Sie trägt den Namen „Design“ und greift eine Idee auf, mit der Markus T einst begonnen hat: eine Brille konsequent auf das Wesentliche zu reduzieren. Titandraht, eine klare Formensprache und eine schraubenlose Konstruktion bestimmen die Fassungen. Während die Welt rund um die ursprüngliche Geschäftsidee über die Jahre immer größer geworden ist, besinnt sich das Produkt selbst auf seine Wurzeln.

Über diesem besonderen Ort thront derweil ein Paar, das von all diesen Überlegungen vermutlich wenig wissen will. Die Störche auf dem alten Brennereischornstein haben längst ihre eigene Geschichte geschrieben. Als sie kamen, habe er sich zunächst einfach gefreut, erzählt Temming. Inzwischen gehören sie dazu. So wie vieles hier irgendwann hinzugekommen ist. Fertig ist dieser Ort deshalb offenbar noch lange nicht. Auf die Frage, ob der Hof irgendwann vollendet sein wird, antwortet Temming ohne Zögern: „Nein, zum Glück nicht.“ Fertigsein bedeute Stillstand. Oben auf dem Schornstein sitzen die Störche. Unten wird weitergebaut, gestaltet und an Brillen gearbeitet. Was als Nächstes dazukommt, ist offen. Und irgendwie passt genau das zu diesem Hof.

 

Fotos: Jens Willebrand, Markus T, Ulrike Kafka

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