Cutler and Gross aus London: Ohne Logo. Mit Charakter.

Erstveröffentlicht in der Herbst/Winter-Ausgabe 2026/27

Was verrät eine Brille über das Land, aus dem sie kommt? Wir reisen durch Designkulturen, Städte und Landschaften und entdecken, wie Licht, Handwerk, Erfindergeist und Lebensgefühl zu unverwechselbaren Fassungen werden. Eine besondere Reise – erzählt durch Menschen, Orte und Brillen mit Charakter.

London lebt von Gegensätzen. Jahrhundertealte Clubs und Schneidertradition treffen auf Subkulturen, aristokratische Fassaden auf experimentelle Kunst, Regeln auf die Lust, sie zu brechen. Kaum eine Stadt versteht es so selbstverständlich, Tradition zu bewahren und gleichzeitig gegen sie zu rebellieren. Besonders sichtbar wurde das in den 1960er-Jahren, als Musik, Mode und Jugendkultur London zu einem internationalen Zentrum gesellschaftlicher Veränderung machten. Kleidung wurde zum Statement, Stil zum Ausdruck von Haltung und Individualität.

Adobe Stock/ultramcu

London

In Knightsbridge, zwischen eleganten Stadthäusern, Kaufhäusern und dem nahen Hyde Park, begann 1969 auch die Geschichte von Cutler and Gross. Doch britischer Stil bedeutet nicht einfach Exzentrik. Oft liegt sein Reiz gerade im Spiel mit gesellschaftlichen Codes: korrekt und unangepasst, kultiviert und humorvoll, traditionsbewusst und erfinderisch zugleich. Vielleicht ist es diese Freiheit zum Widerspruch, die London bis heute so anziehend macht. Persönlichkeit entsteht hier nicht dadurch, einer Mode zu folgen – sondern durch die Kunst, etwas zum eigenen Stil zu machen.

Ohne Logo. Mit Charakter.

Eine Brille muss nicht verraten, von wem sie stammt, um unverwechselbar zu sein. Graham Cutler und Tony Gross entschieden sich bewusst dafür, ihre Namen im Inneren der Fassungen zu verbergen und außen auf sichtbare Logos zu verzichten. Seit der Gründung 1969 entsteht Identität deshalb über etwas Schwierigeres: Charakter. Cutler and Gross verbindet selbstbewusste Formen mit einem britischen Sinn für Humor, Individualität und jene kleine Abweichung vom Erwartbaren, die aus einem Gegenstand etwas Persönliches macht. Schon im London der 1960er-Jahre reagierten die Gründer auf eine Generation von Nonkonformisten, die sich auch mit ihrer Brille vom Establishment unterscheiden wollte. Bis heute entsteht diese Wirkung durch das Zusammenspiel von Material, Proportion und der Spannung zwischen Fassung und Glas. Ein charakteristisches Detail ist der von Graham Cutler bevorzugte Schlüssellochsteg: funktional gedacht, zugleich prägend für den offenen, neugierigen Ausdruck vieler Modelle.

Cutler and Gross

Fassungen wie die Pilotenformen „GR14“ oder „1394“ bringen diese Idee besonders selbstverständlich auf den Punkt – nonchalant und praktisch zugleich. Und auch wenn die Fertigung längst nicht mehr über dem Londoner Geschäft stattfindet, bleibt Handwerk zentral. Heute werden die Fassungen von spezialisierten Handwerkern in Italien und Japan gefertigt. Schneiden, Formen und Polieren sind dabei nicht bloß Produktionsschritte, sondern Ausdruck einer Arbeitsweise, die Zeit und menschliche Erfahrung wertschätzt. Denn Charakter entsteht bei Cutler and Gross nicht durch ein Emblem. Er entsteht, wenn eine Brille so selbstverständlich Teil eines Menschen wird, dass er ihren Stil zu seinem eigenen macht.

Cutler and Gross

Drei Fragen an Style Director Marie Wilkinson 

Welcher Ort in London sagt mehr über britisches Design aus als jedes Museum?
Span Houses in Blackheath – ikonische, modernistische Wohnhäuser aus der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Welches Objekt auf Ihrem Schreibtisch steht für Ihr Designverständnis?
Eine handgefertigte Studiokeramik-Tasse, aus der ich Kaffee trinke. Diese starke Orientierung am Handwerk zieht sich durch alles hindurch.

Welche Persönlichkeit verkörpert für Sie den britischen Stil?
Mr. Gross Anfang der 2000er: Anzug von Kilgour, handgefertigte Schuhe von Lawler Duffy und Vintage-Hemden von Vivienne Westwood.

Cutler & Gross

Fotos & Bilder: Adobe Stock/ultramcu, Cutler and Gross

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